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Gedichte: Eure Kinder / Khalil Gibran

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,
aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.

Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts
noch verweilt es im Gestern.

Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt eure Bogen von er Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Vom Geben / Khalil Gibran

Ihr gebt nur wenig, wenn ihr von eurem Besitz gebt.

Erst wenn ihr von euch selber gebt, gebt ihr wahrhaft.

Denn was ist euer Besitz anderes als etwas, das ihr bewahrt und

bewacht aus Angst, daß ihr es morgen brauchen könntet?

Und morgen, was wird das Morgen dem übervorsichtigen Hund bringen,

der Knochen im spurlosen Sand vergräbt,

wenn er den Pilgern zur heiligen Stadt folgt?

Und was ist die Angst vor der Not anderes als Not?

Ist nicht Angst vor Durst, wenn der Brunnen voll ist,

der Durst, der unlöschbar ist?

Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben

und sie geben um der Anerkennung willen,

und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.

Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben.

Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben,

und ihr Beutel ist nie leer.

Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn.

Es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihr Taufe.

Und es gibt jene, die geben und keinen Schmerz beim Geben kennen;

weder suchen sie Freude dabei, noch geben sie um der Tugend willen;

Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft verströmt.

Durch ihr Hände spricht das Gute, und aus ihren Augen lächelt es auf die Erde.

Es ist gut zu geben, wenn man gebeten wird,

aber besser ist es, wenn man ungebeten gibt, aus Verständnis;

Und für den Freigebigen ist die Suche nach einem,

der empfangen soll, eine größere Freude als das Geben.
Und gibt es etwas, das ihr zurückhalten werdet?

Alles, was ihr habt, wird eines Tages gegeben werden;

daher gebt jetzt, daß die Zeit des Gebens eure ist

und nicht die eurer Erben.

Ihr sagt oft:

Ich würde geben, aber nur dem, der es verdient:

Die Bäume in eurem Obstgarten reden nicht so,

und auch nicht die Herden auf euren Weiden.

Sie geben, damit sie leben dürfen,

denn zurückhalten heißt zugrunde gehen.

Sicher ist der, der würdig ist,

seine Tage und Nächte zu erhalten,

auch alles andere von euch würdig.

Und der, der verdient hat, vom Meer des Lebens zu trinken,

verdient auch, seinen Becher aus eurem Bach zu füllen.

Und welcher Verdienst wäre größer

als der Mut und das Vertrauen, ja auch die Nächstenliebe,

die im Empfangen liegt?

Und wer seid ihr,

daß die Menschen sich die Brust zerreißen

und ihren Stolz entschleiern sollten,

damit ihr ihren Wert nackt und ihren Stolz entblößt seht?

Seht erst zu, daß ihr selber verdient,

ein Gebender und ein Werkzeug des Gebens zu sein.

Denn in Wahrheit ist es das Leben, das dem Leben gibt ,

während ihr, die ihr euch als Gebende fühlt,

nichts anderes sei als Zeugen.

Und ihr, die ihr empfangt

und ihr seid alle Empfangende,

bürdet euch nicht die Last der Dankbarkeit auf,

damit ihr nicht euch und dem Gebenden ein Joch auferlegt.

Steigt lieber zusammen mit dem Gebenden auf

seinen Gaben empor wie auf Flügeln;

Denn seid ihr euch eurer Schuld zu sehr bewußt,

heißt das, die Freigebigkeit desjenigen zu bezweifeln,

der die großherzige Erde zur Mutter und Gott zum Vater hat.

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