Lesungen-Gedichte

Lesung „Don Quijote“

Lesungen

Clemens von Ramin (Sprecher) und Rüdiger Zietz (Gitarrist) spielen und lesen Don Quijote.

Die musikalische Lesung Don Quijote ist die  Wiege der europäischen Romane, auf den sich alle späteren Autoren, bis hin zur Gegenwart beziehen.

Don Quijote befindet sich in einer existentiellen Krise, in einer verspäteten Midlife crises: mit fünfzig wird er sich der unbefriedigenden Langeweile seines Lebens bewußt, die er auch nicht mehr durch Jagdvergnügen und ausgedehnte Lektüren zu kompensieren vermag, und beschließt, nunmehr aktiv zu handeln.

Er diagnostiziert, daß die Zeit, in der er lebt, die der Dekadenz ist, des Verfalls der Sitten und der Tugenden, und begreift sich selbst als Heilsbringer, der das in Unordnung geratene wieder richtet. Indem er sich ein Beispiel an den tapferen Rittern seiner Lieblingsromane nimmt, füllt er die Leere seines Daseins mit einem Überangebot an Sinn. Dadurch macht er sich zum Narren; verbissen hält er als notorischer Falschleser der Welt an seinen Grillen fest und scheitert in fast allen seinen Unternehmungen.

Anders als die tragischen Helden scheitert er aber komisch. Für sein offensichtlich unvernünftiges Tun erntet er Gelächter; doch das Lachen schlägt um. Wer eben noch über den Narren gelacht hat, macht sich unversehens seinerseits zum Narren, das überlegene Verlachen kippt in ein solidarisches Mitlachen angesichts einer unverfügbaren Welt.

Don erfüllt damit in überraschender Weise seine Sendung. Satt anläßlich tragisch untergehender Helden Furcht und Schrecken zu verbreiten oder zu lehren, wie die Welt zu bessern wäre, lebt der „verspätete“ Aussteiger vor, wie jeder seines Glückes Schmied ist und dem Zwang zum reibungslosen Funktionieren entkommen kann. Sein vitales, närrisch-kluges Treiben schafft Entlastung vom Ernst der Lebenswelt und unterläuft deren Verpflichtung auf Sinnhaftigkeit durch die permanente Lust am Unsinn.

Hier noch ein passenden Gedicht:

Fern im Süd das schöne Spanien (Geibel)

Fern im Süd das schöne Spanien,
Spanien ist mein Heimatland,
Wo die schattigen Kastanien
Rauschen an des Ebro Strand,
Wo die Mandeln rötlich blühen,
Wo die süße Traube winkt
Und die Rosen schöner glühen
Und das Mondlich goldner blinkt.

Lang schon wandr‘ ich mit der Laute
Traurig hier von Haus zu Haus,
Doch kein helles Auge schaute
Freundlich noch nach mir heraus.
Spärlich reicht man mir die Gaben,
Mürrisch heißet man mich gehn;
Ach den armen braunen Knaben
Will kein einziger verstehn.

Dieser Nebel drückt mich nieder,
Der die Sonne mir entfernt,
Und die alten lust’gen Lieder
Hab ich alle schon verlernt.
Ach, in alle Melodien
Schleicht der eine Klang sich ein:
In die Heimat möcht ich ziehen,
In das Land voll Sonnenschein!

Als beim letzten Erntefeste
Man den großen Reigen hielt,
Hab ich jüngst das allerbeste
Meiner Lieder aufgespielt.
Doch, wie sich die Paare schwangen
In der Abendsonne Gold,
Sind auf meine dunkeln Wangen
Heiße Tränen hingerollt.

Ach, ich dachte bei dem Tanze
An des Vaterlandes Lust,
Wo im duft’gen Mondenglanze
Freier atmet jede Brust,
Wo sich bei der Zither Tönen
Jeder Fuß beflügelt schwingt
Und der Knabe mit der Schönen
Glühend den Fandango schlingt.

Nein! des Herzens sehnend Schlage
Länger halt ich’s nicht zurück;
Will ja jeder Lust entsagen,
Lasst mir nur der Heimat Glück!
Fort zum Süden, fort nach Spanien!
In das Land voll Sonnenschein!
Unterm Schatten der Kastanien
Muss ich einst begraben sein!

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